Ganztagesbetreuung - Fluch oder Segen?

Das Märchen vom Segen der ganz Ganztagesbetreuung

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Buch Rezension des Buches „Vater, Mutter, Staat“ von Rainer Stadler durch Eva Laspas

Immer mehr Eltern fühlen sich unbehaglich, dass sie ihre Kinder kaum noch sehen, weil sie im Büro sitzen, um sich selbst zu verwirklichen. So war das ja eigentlich nicht geplant, oder? Untersuchungen zeigen, dass man mittlerweile bei Krippenkinder ebenso viele Stresshormone im Blut nachweist, wie bei Topmanagern.

Wenn wir der neuesten Meldung aus der Alzheimerforschung glauben schenken dürfen, dann ist die Alzheimer-Krankheit laut dem habilitierte Arzt Dr. med. Michael Nehls eine Mangelkrankheit: „Verursacht durch Stress, falsche Ernährung, zu wenig Schlaf, fehlende Bewegung und einen verloren gegangenen Lebenssinn.“

Wenn wir also unsere Kleinsten schon durch Ganztagesbetreuung so früh Stress aussetzen, durch Großküchenessen die Mangelernährung fördern (natürlich bemühen sich viele, ein vollwertiges Essen zu bekommen, aber nicht allen Kindergärten gelingt das), die Kinder früh wecken und spät schlafen legen (damit sie noch ein bisschen etwas von uns und wir von ihnen haben, nach der Arbeit), keine Zeit für lange Spaziergänge an der frischen Luft haben – wo bliebt dann noch der Lebenssinn? Kinder lernen vom Vorbild der Eltern, wenn sie sehen, dass wir selber keinen Lebenssinn haben, wo und wie soll er sich dann bei unseren Kids entwickeln?

 

Die Frage: Warum Ganztagesbetreuung?

Die Frage ist, warum überlassen immer mehr Eltern die Verantwortung für ihre Kinder ganz selbstverständlich fremd Menschen?

Einerseits können wir sagen, dass wir arbeiten müssen, um die finanziellen Anforderungen des heute Lebens gerecht werden zu können. Mieten und ständig höhere Lebenskosten (die wir aber unter die Lupe nehmen könnten, ob sie wirklich alle nötig sind) wollen bezahlt werden. Andererseits gilt als Argument, dass wir genügend Arbeitszeit ansammeln müssen, damit wir auch eine anständige Pension bekommen.

In beiden Fällen fällt es aber unter genauerer Betrachtung eher so aus, dass wir den größten Teil des doppelten Gehaltes für die externe Kinderbetreuung, Haushaltshilfen, Essensgelder und „Freizeitbetreuung“ wieder ausgeben. Im zweiten Fall, der Pension, können wir heute noch gar nicht sicher sein, ob und wann wir jemals die Pension bekommen, die wir jahrelang einbezahlt haben.

Um klar zu sein, ich unterstütze hier sehr wohl die Rechte meiner Geschlechtsgenossinnen, wir haben ein Anrecht auf unseren Beruf und darauf, dass wir uns darin verwirklichen können. Und natürlich gibt es auch extreme Situationen, in denen es gar keine Frage ist, ob wir arbeiten gehen sollen oder nicht.

Ich selber habe beide Seiten der Medaille kennen lernen dürfen.

Bei meinen ersten beiden Kindern lebte ich mit dem Kindsvater zusammen. Es war für mich keine Option, jeden Tag die Kinder unter Stress zur rechten Zeit in den Kindergarten zu bringen. Er ging Vollzeit arbeiten und ich machte mich selbstständig, damit die Kinder in häuslicher Umgebung aufwachsen konnten. Als Selbstständige kannst du deine Arbeitszeit weitgehend frei gestalten, d.h. Nachtschichten einlegen, bzw. auch ohne viele Umstände zwischen Vollzeit, 20, 30 oder 15 Stunden pro Woche switchen. Das von mir verdiente Geld diente langfristigen Sparanlagen oder butterte die Urlaube auf.

Bei meiner jüngsten Tochter war ich Alleinerzieherin, hier war die Notwendigkeit gegeben, einen bestimmten Geldbetrag zu erwirtschaften. Statt Krippe wählte ich allerdings Tagesmutter, was den Kleinsten eine familienähnliche Struktur bietet. Natürlich bemerkte ich auch, dass die beste Tagesmutter meine Werte dem Kind nicht vorleben kann…

Und auch hier schaffte ich es unter Aufbringung aller meiner Kräfte bis zum Limit, meiner Jüngsten die Ganztagesbetreuung in der Krippe zu ersparen, damit sie solange wie möglich von der Familie zehren konnte.

Wie gesagt, ich kenne beide Seiten. Ich kenne auch Familien, da werden die Kinder unter Stress in den Krippe geschickt, damit sich die Familie Krippe, Ferienbetreuung, Haushaltshilfe, zwei Autos, teure und viele Markenklamotten und für jedes Kind ein elektronisches Spielzeug (sobald sie es halbwegs bedienen können) leisten kann, bzw. den Kids unanständig viel Taschengeld gegeben werden kann, damit ihnen die Zeit, die sie ohne Eltern verbringen müssen, nicht so auffällt.

Das ist es, was schief läuft. Wenn all das Geld, was beide Elternteile (Vollzeit) anschaffen können aufgeht, für die Betreuung und Beschäftigung der Kinds und des Haushaltes (Haushaltshilfe) draufgeht.

Autor Rainer Stadler, Journalist und Vater, macht sich in für das Buch „Vater, Mutter, Staat“ auf die Suche nach den Gründen für den Sinneswandel und erkennt darin ein System: „Aus kühl kalkulierten und ökonomischen Gründen propagieren Politik und Wirtschaft seit Jahren den massiven Ausbau der Ganztagesbetreuung. Wer sich gegen die verordnete Ganztagsbetreuung stellt, ist auch gegen Emanzipation und Förderung, jeder leise Zweifel wird damit im Keim erstickt. Rainer Stadler stößt eine längst überfällige Diskussion an. Und sie betrifft uns alle.

 

Die Verkörperung der Arbeit

In den siebziger Jahren sank die Geburtenrate von etwa 1,3 Millionen geborener Kinder auf rund 700.000 Kinder pro Jahr. (Deutschland). Es bedeutet also, dass immer weniger Menschen mit Kindern in Kontakt kommen und lernen, was es heißt, Kinder groß zu ziehen. Vielleicht ist es ja auch der Grund für die völlig abgehobene Debatte, um die Vereinbarkeit von Kind und Karriere. Rainer Stadler schreibt: „Nur Ahnungslose kommen auf die Idee, durch gute Organisation lasse sich der Alltag mit kleinen Kindern problemlos bewältigen, Einschränkungen seien nicht zu befürchten. Jeder, der kleine Kinder aufzieht, lernt sehr schnell, dass sie gar nicht daran denken, sich an eine noch so gut gemeinte Planung zu halten. Wer versucht, ihnen seinen erwachsenen Rhythmus aufzuzwingen, macht sich selbst und das Kind unglücklich. Denn Kinder brauchen und lieben Rituale, eine Wiederholung ihres Tagesablaufes, um sich sicher fühlen zu können und gut heranwachsen zu können.

Insbesondere Erwachsenen, die es gewohnt sind, einen abwechslungsreichen und anspruchsvollen Beruf auszuüben, stört diese Ruhe und Gleichförmigkeitsbedürfnisse des Kinderlebens, sie sind das aus dem eigenen Berufsleben einfach nicht gewöhnt. Nun beginnt ein fataler Kreislauf, der dazu führt, dass der betreuende Elternteil das Kind zunehmend als Störfaktor wahrnimmt. Wenn das von Zeit zu Zeit geschieht, ist das für alle Beteiligten zu verkraften. Problematisch wird es, wenn sich dieser Frust zum beherrschenden Gefühl der Eltern gegenüber ihren Kindern entwickelt.

Besonders Mütter bleiben mit ihren Gefühlen alleine. Einerseits fühlen wir uns unserer Freiheitsrechte beraubt, andererseits möchten wir natürlich auch unserer Mutterschaft genießen. Manche von uns arrangieren sich mit ihrer ständig nagen Unzufriedenheit. Andere Frauen geben ihr Kind frühzeitig in die Betreuung und reden sich ein, damit sei dem Kind doch besser gedient, als dass es den ganzen Tag mit einer unzufriedenen Mutter verbringen muss. Doch dieser Kompromiss wird auf dem Rücken des Kindes ausgetragen, das sich überhaupt nicht wehren kann und schon gar keine Freude darüber empfindet, fortan den ganzen Tag in der Krippe verbringen zu müssen.

 

Die Sprache der Ideologen

Was brauchen die Familien und was brauchen die Kinder? Der Dreisatz der modernen Familienpolitik möchte uns einreden, dass:

1) Kinder Betreuung brauchen und individuelle Förderung, um ihr volles Potenzial zu entfalten

2) Mütter Betreuung für ihre Kinder brauchen, um Familie und Beruf zu vereinbaren.

3) eine Politik, die Betreuung und individuelle Förderung ermöglicht, familienfreundlich ist.

 

Doch in der Praxis entspricht auch das nicht der Realität: Die individuelle Förderung ist in Krippen insofern nicht gegeben, da diese kaum pädagogische Ideen und Konzepte verlangen. Bei Krippen geht‘s in erster Linie um die Beaufsichtigung der Kinder.

Mütter sind unzufrieden und reiben sich auf. Seit einigen Jahren registrieren die Krankenkassen eine steigende Zahl von Frauen, die unter der Last ihrer Aufgaben kollabieren das Müttergenesungswerk (Deutschland) verweist darauf, dass heute vor allem psychische Störungen – Burnout, Angstzustände, Erschöpfung – die Ursache sein, warum Mütter eine Kur beantragen. Das bestimmende Lebensgefühl vieler Frauen heute ist: Stress. Und das geht 63 % der Frauen so. Jede vierte Frau gibt sogar an, permanent unter Strom zu stehen.

Offensichtlich sind Beruf und Familie nicht für alle Frauen so leicht zu vereinbaren, wie es die Politik suggeriert. Und ins Bild der befreiten berufstätigen Frau, wie es der Feminismus gerne zeichnet, wollen diese Zahlen auch nicht so recht passen.

 

Zum Nachdenken über Ganztagesbetreuung – Fazit

Als Abschlusssatz möchte ich Ihnen hier Rainer Stadler zitieren: „Noch besteht Hoffnung, viele Eltern verfolgen die momentane Entwicklung mit Unbehagen. Leider sind wir oft so in unseren Alltag gefangen, dass wir übersehen, was wirklich zählt. Menschen, die Katastrophen erlebt haben schreibt eine: ‚In den Stunden, in denen ich vergeblich auf ein Lebenszeichen meines Mannes wartete und versuchte, ihn zu erreichen, wurde mir immer stärker bewusst, wie wahnsinnig wichtig mir meine Familie war. Wir sollten noch viel mehr Zeit zusammen verbringen, zusammen mit dem Kind, solange es noch klein ist. Ja, ich möchte mit meinen lieben Kochen und Essen, so oft es geht.‘

Wenn wir uns dem ökonomischen Diktat also fügen, wie das unsere Familienpolitik momentan vorsieht, werden wir am Ende unseres reichen und erfüllten Arbeitslebens auch erzählen, dass wir gerne mehr Zeit mit unseren Kindern verbracht hätten. Nur wird uns wahrscheinlich niemand fragen.“

 

Buchtipp:

Vater, Mutter, Staat
Das Märchen vom Segen der Ganztagesbetreuung – Wie Politik und Witschaft die Familie zerstören
von Rainer Stadler
ISBN 978-3-453-28061-8
Verlag Ludwig


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