Die Kraft der Kriegsenkel

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Buchbesprechung des gleichnamigen Buches von Ingrid Meyer-Legrand durch Eva Laspas

 

Aufgewachsen mit traumatisierten Eltern, die als Kinder den Nationalsozialismus, Krieg und Flucht erlebt haben, ist unsere Generation der Kriegsenkel in den letzten Jahren verstärkt in den Blickwinkel geraten. Doch ist das ganz besondere Erbe, das wir tragen, immer nur eine Belastung? Durch unsere Familiengeschichten und besondere Sozialisierung habe viele von uns eine mentale Ausstattung entwickelt, die es uns ermöglicht, mit heutigen Herausforderungen besser umzugehen.

Ingrid Meyer-Legrand ist Diplom Sozialpädagogin und hat Sozialwissenschaften, Geschichte und Sozialarbeit studiert. Sie führt als systemische Therapeutin, Supervisor und Coach eine eigene Praxis in Berlin und Brüssel. In ihrem Buch „Die Kraft der Kriegsenkel“ richtet die Autorin den Fokus auf die Ressourcen der Kriegsenkel. An Hand der vielen Fälle, die zu ihr in die Praxis kommen, hat sie erkannt, dass viele der Kriegsenkeln es nicht wagen, beruflich oder privat wirklich anzukommen.

Dieses „immer wieder neu anfangen“, diese Ruhe- und Rastlosigkeit lässt sich auch als besondere Fähigkeit betrachten, flexibel auf Veränderungen zu reagieren. So entwickelte die Autorin mit „My Life Storyboard“ eine spezielle Biografiearbeit, die es uns ermöglicht, den roten Faden im eigenen Leben zu erkennen und die eigene Lebensleistungen schätzen zu lernen. So liegt es an uns, der Generation der Kriegsenkel, unsere einzigartigen Kompetenzen als Chancen und Kraftquelle zu nutzen.

 

Die Kriegsenkel – entwurzelt, rastlos und getrieben?

Die Idee zu dem Buch entstand, weil Therapeuten und Berater angesichts des Phänomens, dass viele Menschen besonders der Jahrgänge 1950 bis etwa 1980 mit ihrem Leben hadern und sich fragen, wie sie endlich darin einen Platz finden könnten.

Autorin Ingrid Meyer-Legrand erinnert sich: „Viele die in meine Praxis kamen, zeigten sich zutiefst verunsichert; sie zweifelten häufig an sich selbst und meinten, keine Existenzberechtigung zu haben. Bis heute fühlen sich viele Kriegsenkel entwurzelt, viele rastlos und getrieben. Sie leiden entweder unter völligem Stillstand oder arbeiten bis zum Umfallen.

Oftmals können sie bemerkenswerte Karrieren vorweisen und sind beruflich anerkannt und erfolgreich. Trotzdem klagen sie über eine innere Leere und darüber, dass sich keine Zufriedenheit einstellt.

Viele fragen sich: „Bin ich es überhaupt wert, Erfolg zu haben? Bin ich es wert, in einer Beziehung zu leben oder eine Familie zu haben? Darf ich erfolgreicher sein als mein Vater oder meine Mutter, denen dazu die Möglichkeit fehlte, die mit schlimmen Erlebnissen während des Krieges und auf der Flucht konfrontiert waren?“

 

Und so begann sich der Nebel zu lichten

Im Jahr 2005 gingen die Kriegskinder im gleichnamigen Kongress in Frankfurt am Main mit herausragenden Experten wie Peter Händel und anderen an die Öffentlichkeit. Ein paar Jahre später war es ihnen dann möglich, über diese ganz spezielle Thematik in der Gesellschaft einen Diskurs zu entwickeln. Und so haben sich besonders die 1960 Jahre geborenen im Zuge dessen als Kriegsenkel neu erfunden.

Aber um zu wissen, was wir Kriegsenkel in unserem biografischen Rucksack an leidvollen Erfahrungen, an Sehnsüchten und neuen Lebensmodellen oder an Kompetenzen mit uns führen, ist es wichtig, in einem ersten Schritt das Leben unserer Eltern als Kriegskinder und in einem zweiten Schritt unser eigenes Heranwachsen in einer Gesellschaft mit zahlreichen, oftmals unübersichtlichen Optionen und Angeboten zu betrachten.

 

Über das Buch

Mit dem Auffinden der besonderen Geschichte unserer Eltern als Kriegs- und Flüchtlingskinder, hat sich für uns Kriegsenkel ein Zusammenhang offenbart, der einerseits sehr viel Leid und schuldhaftes Verhalten, andererseits auch ein großes Potenzial, zahlreiche Ressourcen und vielfältige Kompetenzen beinhaltet. All dies haben wir Kriegsenkel zur weiteren Gestaltung unseres eigenen Lebens und unseres gesellschaftlichen Umfelds genutzt – und wir werden es weiterhin tun.

Wir arbeiten verantwortlich mit an der Gestaltung einer mitfühlenden, menschlichen und demokratischen Gesellschaft, in der die Unterschiedlichkeit, das Andere und das Fremde als Bereicherung erfahren werden. So kann die nächste Generation eine befreite Generation sein. Darin besteht unser gesellschaftliche Potenzial.

 

Lösungsversuch: Storyboard

Klienten, die zur Autorentherapeutin Ingrid Meyer-Legrand in die Praxis kommen, beginnen im ersten Schritt ihre Geschichte aufzuarbeiten, indem sie das so ein sogenanntes Storyboard anfertigen. Das sind Zeichnungen von typischen Situationen und Szenen, an die sich der Klient aus der jeweiligen biografischen Situation erinnert.

Damit die Fantasie angeregt wird, stellte die Therapeutin dem Klienten vorher Fragen zum jeweiligen Themenbereich. Themen können Herkunftsfamilie, Schule und Generation sein.

 

Beispiel Herkunftsfamilie:

Die Herkunftsfamilie ist für jeden sehr prägend. Wir verbringen doch mindestens 16 Jahre oder länger in unseren Familien, und entwickeln in diesem sehr engen Beziehungsgeflecht über viele Jahre und unterschiedliche Entwicklungsphasen hinweg sehr spezifische Umgangs- und Auseinandersetzungsformen. Ganz besonders entwickeln sich hier unsere Überzeugungen, Muster und Modelle von Zusammenleben etc.

Fragen, die zum Zeichnen eines Storyboards zum Thema Herkunftsfamilie nützlich sind:

  • Welches Bild oder Gefühl taucht auf, wenn Sie an Ihre Herkunftsfamilie und an Ihrer Erziehung denken?
  • Was haben Sie sich in dieser Zeit gewünscht?
  • Worauf sind Sie stolz?
  • Was haben Sie vermisst?
  • Welche Rolle hatten Sie in Ihrer Familie inne?

Bei der Arbeit mit dem Storyboard „My Life“ geht es darum, wie wir die in den verschiedensten Kontexten und Lebensphasen erworbenen Kompetenzen für unser aktuelles Anliegen nutzbar machen können.

Dieser Prozess wird im Buch an einem Beispiel ausführlich dargestellt.

 

Auswertung Storyboard

Hat der Klient das Storyboard angefertigt, kann er ausführlich über die Szene sprechen und erklären, was er gezeichnet hat und was er damit verbindet. Die Szene wird vor allem in Verbindung mit der jetzigen Situation (der aktuellen Frage des Klienten) betrachtet.

Welche Verbindung zur aktuellen Frage scheint auf? Liegt in den Szenen womöglich ein besonderes Potenzial, um das derzeitige Anliegen zu klären?

Die Storyboards wirken wie ein großer Bogen. Er wird gespannt von der Rolle, die wir in unserer Herkunftsfamilie, über die Rolle, die wir in der Schule und unserer Generation gespielt haben, bis hin zu der Rolle, die wir in unserer aktuellen Tätigkeit einnehmen.

Dieser Bogen macht ein ganz spezifisches und zuverlässiges Deutungs- und Handlungsmuster sichtbar, plötzlich erscheint der eigene Lebenslauf wie ein einzigartiges Curriculum, das wir durchlaufen haben, um mit spezifischen Aufgaben ganz speziell umzugehen.

Ingrid Meyer-Legrand: „In dieser Weise mit der eigenen Biografie umzugehen, indem diese systematisch reflektiert und auf Kompetenzen untersucht wird, kann insbesondere für Kriegsenkel in Anbetracht von Individualisierung und Optionsvielfalt dieser Gesellschaft hilfreich sein. Die eigene Lebensgeschichte als Prozess zu verstehen und in einem permanenten Wandel begriffen, kann so als Bereicherung erlebt werden.“

 

In die Zukunft schauen

„Die Kinder der Kriegsenkel (also unsere Kinder) können heute auf ein ganz besonderes Konto kulturellen Reichtums in ihrem Leben zurückgreifen. Einen Reichtum, der auf den Erfahrungen der Generationen vor ihnen und in der ernsthaften Reflexion und Auseinandersetzung mit ihnen und ihrer Geschichte begründet ist.

Auf diesem Weg kann die Geschichte nicht länger nur als Last, sondern auch als reiche Quelle aufgefasst werden. Unsere Kinder haben inzwischen gelernt, sich statt einer Zwangsheimat aus Glaube, Treue, Tradition und Milieu neue Wahlheimaten zu suchen oder auch zu gestalten: In einer Weltanschauung ihrer Wahl, in wechselnden Partnerschaften ihrer Wahl und dauerhaften Freundschaften über alle Grenzen hinweg.“

 

Buchtipp:

Die Kraft der Kriegsenkel
Wie Kriegsenkel heute ihr biografisches Erbe erkennen und nutzen
Ingrid Meyer-Legrand
Europa Verlag
ISBN 978-3-95890-008-0

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