Ernährungshysterie

Ernährungshysterie: Der Feind in meinem Topf?

Vielen Dank für Ihre Weiterempfehlung:
0

 

Buchbesprechung des gleichnamigen Buches von Susanne Schäfer durch Eva Laspas

 

Wer heute Gäste zum Essen einlädt, führt vor dem Einkaufen am besten umfangreiche Gespräche. Längst muss er nicht nur berücksichtigen, dass der eine vegetarisch lebt und andere vegan. Heute brauchen die Gäste mit echten oder gefühlten Intoleranzen gegen Lactose, Fruktose, Gluten oder Histamin ihr ganz individuelles Menü.

 

Mitunter wird bei Selbstdiagnosen Halb- und Unwissen durcheinandergewürfelt und weiterverbreitet. Dabei könnten selbst Lactoseintolerante die meisten Käsesorten problemlos essen, weil diese im Gegensatz zu unverarbeiteter Milch kaum Lactose enthalten. Glutenfreie Produkte haben für Menschen mit gesundem Stoffwechsel keinerlei Nutzen.

 

Schluss mit der Ernährungshysterie

Weizenesser sterben früher, Gluten verklebt den Körper von innen, und Milch macht krank? Essen wird immer häufig als Bedrohung wahrgenommen. In ihrem Buch „Feind in meinem Topf?“ räumt Ernährungsjournalistin Susanne Schäfer mit der Legende vom „bösen Essen“ auf und geht den diffusen Unverträglichkeiten auf den Grund.

 

Selbstverständlich gibt es auch echte Allergene und Unverträglichkeiten, wer unter ihnen leidet, braucht unbedingt Lebensmittel ohne diese Stoffe, die ihm schaden können. Aber auch Gesunde, die gar keine Beschwerden haben, machen sich heute selbst zu sensiblen Essern. Unverträglichkeiten haben sich als „modern“ verselbstständigt.

 

In einem Selbstversuch findet die Autorin heraus, was von all dem Testen und den Therapien zu halten ist. Und stellt fest: Nie war es so einfach wie heute, sich gut und gesund zu ernähren.

 

Das Geschäft mit der Angst

In Deutschlands Praxen wird emsig getestet. Mit manchmal obskuren Methoden ermitteln dubiose Ärzte und Heilpraktiker Intoleranzen oder Allergien und verordnen den Patienten teils strenge Diäten.

 

Speichelfluss, energetische Felder und irreführende Blutwerte müssen für Diagnosen herhalten, solange die Tests nur genug Geld einbringen. Seriöse Ärzte und Ernährungsberater haben Mühe, den Patienten ihren überflüssigen Verzicht wieder auszureden und ihnen die künstlich erzeugte Angst vor dem Essen zu nehmen.

 

Die Autorin schreibt: „Ich wollte herausfinden, wie schnell ich selbst zur Patientin gemacht werde, die an Unverträglichkeiten leidet. Um es vorwegzunehmen: Es geht ziemlich schnell. Und das, obwohl ich bei Untersuchungen und bei Tests immer nur ganz unspezifische Befindlichkeiten, wie gelegentliche Bauchschmerzen, angegeben habe, die zum normalen Erwachsenenleben dazugehören.

 

Von einer Heilpraktikerin habe ich mir in die Augen sehen lassen, mit einem Experimentierkasten für Zuhause habe ich mich selbst auf Allergien getestet und unter der Aufsicht einer Ärztin habe ich 2 Stunden lang in einen Becher gespuckt.

 

 

Im Internet suche ich eine beliebige Heilpraktikerin heraus und vereinbare einen Termin. Während ich im Wartezimmer sitze, fordern mich etliche Flyer alternativ-medizinischer Pharmafirmen auf, mithilfe von Fastenkuren im Gleichgewicht zu bleiben, gegen Sodbrennen Heilerde zu schlucken, pflanzliche Mittel gegen Trübsinn und Flugangst zu nehmen und Nahrungsergänzungsmittel für ein schnelleres Gehirn und bessere Fruchtbarkeit zu kaufen.

 

Als ich dran bin, sage ich der Dame im weißen Kittel, ich hätte Bauchschmerzen – nicht permanent, sondern bloß ab und zu. Ansonsten keine Beschwerden. Sie stellt mir Fragen, die sie von einem Formular abliest …

 

Sie sieht sich meine Zunge, meine Handflächen und meine Augen an. Als sie fragt, ob ich den Verdacht habe, dass Lebensmittel meine Beschwerden auslösen, verneine ich. An eine Unverträglichkeit glaubte sie auch nicht, sagt die Dame daraufhin.

 

Laut denkt sie über mögliche Therapie nach. Nachdem sie eine Weile über ihre Ideen gesprochen hat, fällt ihr plötzlich ein, ich leide wohl doch an einer Histaminintoleranz, da spräche schon einiges dafür …“

 

Fazit

Warum fangen wir nicht damit an, unsere überzogenen Erwartungen an die Ernährung etwas herunterzuschrauben? Zu großen Heilversprechen führen sie doch eh nicht. Wir könnten uns stattdessen an den wenigen bisher gesicherten Erkenntnissen der Wissenschaft orientieren und mal mehr, mal weniger danach leben. Ernährungshysterie – nein danke!

 

Wir könnten hinnehmen, dass die Forschung nicht alle Fragen beantworten kann und nicht das eine Rund-um-sorglos-Programm bietet, das auch noch garantiert schlank und schön macht. Wenn wir die Ungewissheit aushalten würden, die damit verbunden ist, dass die Wissenschaft nicht die eine Wahrheit verkündet, sondern immer nur einen vorläufigen Stand des Wissens, wären wir gleich weniger anfällig für die Panikmache der Alarmisten.

 

Und könnten einfach essen, mit Gluten, ohne Angst.

 

Buchtipp:

Der Feind in meinem Topf?
Susanne Schäfer
Verlag Goldman
ISBN 978-3-442-17587-1

Vielen Dank für Ihre Weiterempfehlung:
0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*